So verändert das Programm schritt:weise den Alltag von Familien in der Romandie.
«Und plötzlich sehen Eltern ihre Kinder und auch sich selbst mit anderen Augen.» Marie Bessonneau über Hürden, Begegnungen und besondere Geschichten aus ihrem Alltag als Koordinatorin des Frühförderangebots schritt:weise im Kanton Waadt.
Indem wir die Familien zu Hause besuchen, in ihrer privaten Umgebung. Sie teilen während 18 Monaten jede Woche einen Teil ihres Alltags mit unseren Hausbesucherinnen. Man tauscht sich aus, vielleicht spielt, bastelt oder kocht man gemeinsam. Wichtig ist: Eltern und Kinder werden nie bewertet oder beurteilt, sondern begleitet und unterstützt. Wir respektieren und würdigen ihre Geschichte, die Kultur und ihre Lebensrealität. Das schafft eine sichere und respektvolle Umgebung.
Ich sehe, wie Eltern ihre Kinder und auch sich selbst mit anderen Augen betrachten. Sie entdecken bisher ungenutzte Ressourcen und werden selbstbewusster. Gleichzeitig trauen sie auch ihrem Kind zu, eigene Erfahrungen zu machen – auch wenn eine Handlung dadurch länger dauert oder nicht ganz so perfekt ausgeführt wird. Beispielsweise hat eine Mutter gemerkt, dass sie Spielzeug im Wohnzimmer verstreut liegenlassen darf, ohne dauernd aufzuräumen, und gelernt, dies als Teil des Spielens zu betrachten.
Kinder profitieren generell enorm von gemeinsamen Momenten mit ihren Eltern. Und genau solche führen wir spielerisch herbei. Wenn kleine Kinder mit ihren Eltern reden, spielen und Neues entdecken, verbessern sie ihre Sprachfähigkeiten, werden neugieriger und selbständiger. Es ist jedoch nicht nötig, dass sich Eltern stundenlang einem Spiel widmen. Eine gemeinsame Mahlzeit, ein Spaziergang oder eine Geschichte sind Gelegenheiten, um eine gemeinsame Beziehung aufzubauen und die frühkindliche Entwicklung zu fördern.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Geschichte einer Mutter, die zu Beginn der Begleitung grosse Schwierigkeiten damit hatte, ihrem Kind Grenzen zu setzen. Sie hatte Angst, Nein zu sagen, weil sie befürchtete, dann eine schlechte Mutter zu sein. Gleichzeitig war gemeinsames Spielen mit ihrem Sohn schwierig, weil er sich kaum auf eine Aktivität konzentrieren konnte. Unsere Hausbesucherin hat der Mutter spielerisch gezeigt, wie sie ihrem Kind einen Rahmen setzen kann. Heute hat sich zwischen Mutter und Sohn eine echte Bindung entwickelt. Die Mutter hat verstanden, dass es wichtig ist, Orientierungspunkte zu geben – und dass das nichts Negatives ist.
Ich erinnere mich an eine junge Mutter aus Afghanistan und deren Tochter. Am Anfang blieb die Mutter im Hintergrund. Vielleicht aus Schüchternheit, aus Angst, beurteilt zu werden, oder weil sie nicht wusste, wie sie mit ihrem Kind spielen sollte. Jede Familie hat ihre eigenen Gewohnheiten und ihre eigene Art, sich um ihr Kind zu kümmern. Die Hausbesucherin hat die Mutter ermutigt und Wertschätzung gezeigt, sodass diese immer selbstsicherer wurde. Der Unterschied nach 18 Monaten war frappant: Die Mutter schlug selbst Spiele vor und begleitete ihre Tochter selbstbewusst. Sie erzählte uns, wie schön es sei, ihre Tochter glücklich zu sehen.
Weil die ersten Lebensjahre für die Entwicklung des Kindes entscheidend sind. In dieser Zeit entwickeln sich Sprache, emotionale Geborgenheit, Neugier und Vertrauen. Eltern in dieser Phase zu unterstützen, bedeutet, zu handeln, bevor sich bestimmte Schwierigkeiten festsetzen. Das stärkt soziale Bindungen und hilft später auch beim Eintritt in den Kindergarten. Langfristig sorgen Programme wie schritt:weise für mehr Chancengerechtigkeit und eine inklusivere Gesellschaft.
Marie Bessonneau
Koordinatorin schritt:weise Region La Côte
Marie Bessonneau leitet im Kanton Waadt ein Team von drei Hausbesucherinnen, welche die Familien wöchentlich begleiten. Sie arbeitet ausserdem als Kinderkrankenschwester und ist selbst Mutter eines Kindes.